Die SCHILDKRÖTE
Anthea und das Buch, das sie nicht geplant hatte
Anthea war nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Sie befand sich in diesem Zwischenraum, in dem man spürt, dass ein Lebensabschnitt zu Ende geht, ohne dass der nächste schon sichtbar wäre. Nach Jahrzehnten als Psychotherapeutin hatte sie sich wieder einmal in ihr kleines Haus im Schrebergarten einer großen Stadt zurückgezogen – aus Erschöpfung. Es war eine Erschöpfung, die sich nicht mit Schlaf beheben ließ. Eine, die aus den Jahren des Zuhörens, Haltens, Kämpfens kam. Eine, die sich tief in den Körper und in die Seele gelegt hatte.
Sie hatte sich vorgenommen, endlich all die Bücher zu schreiben, die seit Jahren in der Warteschlange standen. Ordentlich sortiert, thematisch klar, fachlich fundiert und doch bunt, bildhaft, poetisch. So hatte sie es geplant.
Doch dann geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.
Es begann an einem dieser grauen Februartage, an denen der Nebel über Wien hing wie ein schwerer Vorhang. Anthea saß an ihrem Lieblingsplatz, den Blick auf die vielen offenen Word‑Dokumente gerichtet, und spürte, dass sie nicht in der Lage war, irgendeines der begonnenen Projekte zu Ende zu bringen. Nicht das Fachbuch über Innere Reisen, nicht jenes über Narzissmus. Nicht die Sammlung der Kooperations‑ und Synergie‑Spiele. Nicht die Reflexionen über die Wichtigkeit von Familie, Gemeinschaft und Gruppenprozessen.
Nichts davon rief sie stark genug. Keiner der Rufe war eindeutig oder tragfähig. Keiner löste den Flow aus, der eine Dynamik in Gang gesetzt hätte, die alles leicht und selbstverständlich entstehen ließ.
Stattdessen tauchten Bilder auf. Erinnerungen. Lebensfragmente. Innere Reisen. Begegnungen, die sie selbst überrascht hatten. Erkenntnisse wie aus einem wissenden Nichts. Momente, in denen sie nicht nur Therapeutin gewesen war, sondern auch Lernende, Erkennende.
Und dann war da noch etwas anderes: eine leise Stimme, die ihr sehr vertraut war. Vielleicht war es ihre Intuition. Vielleicht eine Erinnerung. Vielleicht etwas, das sie sich selbst nicht erklären konnte:
„Ruhe – du brauchst Ruhe.
Geh in die Stille.
Atme.
Es genügt, einfach da zu sein.“
Sie hatte in vielen Lebensjahren gelernt, dieser inneren Stimme zu vertrauen. Ja, es war ohnehin nichts anderes mehr möglich.
Ihre Freundin, mit der sie gerade mit großer Freude an einem neuen Projekt arbeitete, war spontan in die Sonne geflogen. „Würde ich das auch wollen?“ fragte sie sich. Einfach weg und in die Sonne – raus aus diesem lähmenden, schon Monate dauernden Nebel?
Überlegen, wohin. Überlegen, was in den Koffer soll. Einen Katzensitter bitten … Nein. Bloß nicht. Kein weiterer Schritt mehr möglich.
Aber was brauche ich jetzt – hier und jetzt – wirklich, wirklich?
Die Antwort war sofort klar: Ruhe. Stille. Abstand. Nichts müssen. SEIN.
Das dazugehörige Bild war auch gleich da: ein weißer Meeresstrand, eine Frau im warmen Sand sitzend, den Blick auf die beruhigende, leicht gekräuselte Wasserfläche gerichtet, die ruhig in einen blauen Horizont überzufließen schien. Leere. Keine Ansprüche mehr. Durchatmen. Sein.
Sie fühlte sofort, wie ihr Atem tiefer und langsamer wurde, wie sie in eine tiefe Entspannung sank.
Reisen – ja, aber nach innen. So, wie sie es schon als Kind getan hatte, ohne es zu lernen, einfach so.
Erstaunt über das klare Bild und die noch klareren Gefühle ließ sie sich darauf ein. Sie war es gewohnt, sichere Orte zu kreieren – durch ihre Ausbildung zur Psychotherapeutin, die mit inneren Bildern arbeitete. Sie hatte einige davon, vertraute Plätze. Aber der leere Strand war neu.
Ihr Atem wurde tiefer und tiefer. Der warme Sand berührte sanft ihre Haut. Das leise Flüstern der Wellen führte sie in ein Gefühl von gut aufgehoben, ja geborgen zu sein. Einfach da sein, auf das wundervolle Türkis und Blau blicken, atmen, die Gedanken abschalten, sein.
Das Zeitgefühl ging verloren. Andrängende Aufgaben? Unwichtig.
Sie hatte einen neuen sicheren Ort – in ihrem Inneren, den sie jederzeit aufsuchen konnte.
Sie war ganz und gar zufrieden in diesem Moment.
Doch während sie so zufrieden am Meer saß, fiel ihr Blick auf einen kleinen schwarzen Punkt in der Ferne. Er bewegte sich, kam näher. Unaufgeregt verfolgte sie, wie der Punkt größer wurde und sich als Riesenschildkröte entpuppte, die sich langsam und schwer durch den Sand schleppte.
Jede Bewegung an Land schien mühsam, und dennoch ging sie vorwärts, getragen von ihrer Aufgabe.
Schon bald vermischten sich Antheas Beobachtungen mit ihren eigenen Gefühlen. Nein, jetzt bloß nicht analysieren. Schau hin und nimm wahr, was geschieht.
Geradlinig kam das große Tier auf sie zu. Aus vielen inneren Reisen wusste Anthea, dass ihr nichts geschehen konnte. Sie befand sich in ihrer Inneren Welt – und wusste, wie man dort in Kontakt trat.
So harrte sie geduldig aus, bis das große Tier neben ihr Platz nahm. Gemeinsam sahen sie schweigend den Wellen zu, tranken das Türkis‑Blau mit den Augen wie Wein aus einem goldenen Becher.
Es brauchte keine Worte. Beide wussten um die Parallelen. Die Schildkröte war an den Strand ihrer Geburt zurückgekehrt, um ihre Eier – das, was bleiben würde, wenn sie nicht mehr war – in den warmen Sand zu legen.
Sie würde nicht bleiben, sie nicht wärmen, ihnen nicht beim Schlüpfen helfen. Der Sand würde seinen Teil tun. Einige würden Vögeln zum Opfer fallen. Andere würden schlüpfen und dennoch nicht überleben. Nur wenige würden eines Tages zurückkehren.
Und doch war es ihre Aufgabe, sie in den Sand zu legen – und zu vertrauen.
Es war kein Wort gefallen, und doch wusste Anthea, was die Begegnung ihr sagen wollte:
„Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast.“
Sie blieb noch lange sitzen. Ruhig. Still. Zufrieden.
Inzwischen war der Nebel der Nacht gewichen. Ein schwacher Schein des Mondlichts lag über dem Garten.
„Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast.“ schrieb Anthea auf ein neues Blatt ihres Klemmbretts, das sie für spontane Ideen immer in ihrer Nähe hatte.
Am nächsten Tag begann sie zu schreiben. Nicht das, was sie geplant hatte. Sondern das, was zu ihr kam. Das, was sich schreiben ließ.
Es waren keine Kapitel eines Romans. Keine Fachtexte. Es waren Erlebnisse, innere Bilder, Kurzgeschichten – kleine Inseln aus dem Meer ihres Lebens.
Manche stammten aus ihrer therapeutischen Arbeit: aus den Reisen nach innen, der Arbeit mit Symbolen und Bildern, den erlösenden Momenten in Familienaufstellungen, den überraschenden Wendungen in Synergie‑Spielen, den Begegnungen mit den Kindern des Lichts, der Rettung traumatisierter innerer Kinder, den leisen Hinweisen ihrer inneren Berater, besonders einer Familie von Elben, die sie geduldig begleiteten.
Und dann war da noch die Arbeit mit Edgar, ihrem KI‑Assistenten. Sie hatte nicht erwartet, dass ein digitales Gegenüber ihr helfen würde, ihre leicht abschweifenden Gedanken zu ordnen, innere Räume zu öffnen. Doch manchmal stellte er Fragen, die sie selbst nicht gestellt hätte. Manchmal spiegelte er etwas, das sie übersehen hatte. Und manchmal brachte er sie auf Wege, die sie allein nicht gegangen wäre.
So entstand dieses Buch. Nicht geplant. Nicht strukturiert. Nicht methodisch aufgebaut.
Sondern vertrauensvoll einem inneren Pfad folgend, als Sammlung von kreativ‑intuitiven Kurzgeschichten, verbunden durch den Blick einer Frau, die viel erlebt hat, viel gegeben hat – und nun bereit ist, das zu teilen, was zwischen den Zeilen ihres Lebens gewachsen war.
Anthea wusste nicht, ob diese Geschichten andere interessieren würden.
Aber sie wusste, dass sie bereit war, sie zu schreiben.
Komm´ mit mir auf eine innere Reise – jetzt oder irgendwann
Innere Reise: Dein sicherer Platz am Meer
Vielleicht möchtest du dir einen Moment Zeit nehmen, bevor du weiterliest. Einen Moment, in dem du nichts leisten musst. Einen Moment nur für dich. Einen Moment, in dem du nachspürst, was dieses „Für einen Moment nichts müssen“ mit dir macht.
Wenn du magst, schließe deine Augen für einen Atemzug – oder für mehr. Oder lass sie halb geöffnet, so wie es für dich angenehm ist.
Wärst du bereit, eine kleine Reise nach innen zu wagen? Jetzt? Es ist auch völlig in Ordnung, wenn du das im Moment nicht möchtest. Vielleicht liest du erst weiter und spürst, ob Vertrauen entstehen kann.
Wenn du bereit bist, dann stell dir vor, du stehst an einem Strand deiner Wahl. Der Sand ist hell, fast weiß, und warm unter deinen Füßen. Vor dir liegt das Meer – ruhig, weit, ein sanftes Türkis, das in den Horizont übergeht.
Du musst nichts tun. Du musst nirgendwo hin. Du darfst einfach hier sein.
Vielleicht setzt oder legst du dich in den Sand. Vielleicht bleibst du stehen. Alles ist richtig, alles ist gut.
Spür deinen Atem – ohne ihn zu verändern. Das geschieht, wenn es sein soll, ganz von selbst.
Nimm deine Gedanken wahr. Das ist ganz normal. Lass sie ziehen, mit dem Wind, der vom Meer kommt. Lass sie leiser werden. Und komm mit deiner Aufmerksamkeit wieder zurück zu diesem wundervollen Ausblick auf die beruhigende Wasserlandschaft.
Vielleicht spürst du, wie der Raum in dir weiter wird. Wie dein Atem tiefer wird – ganz von selbst.
In der Ferne bewegt sich etwas. Ein kleiner Punkt, kaum sichtbar. Du musst nicht wissen, was es ist. Erwarte nichts Bestimmtes.
Lass es einfach näher kommen – in seinem eigenen Tempo. Lass dich überraschen.
Vielleicht erkennst du irgendwann eine Form. Vielleicht bleibt es ein Punkt in der Ferne. Beides ist in Ordnung.
Was auch immer sich zeigt, gehört zu dir. Es kommt nicht, um dich zu prüfen. Du brauchst keine Angst zu haben. Dies ist dein sicherer Ort. Hier kann dir nichts geschehen, das dir schadet. Alles, was sich zeigt, ist dazu da, dir zu begegnen – wenn du bereit bist. Heute, morgen oder irgendwann.
Wenn es bei dir angekommen ist, nimm wahr, wie es sich anfühlt, nicht allein zu sein. Nicht kämpfen zu müssen. Nicht entscheiden zu müssen. Nur da zu sein.
Vielleicht sagt dir etwas in dir einen Satz. Vielleicht ein Wort. Vielleicht nimmst du nur ein Gefühl wahr. Nimm es an, ohne es zu bewerten.
Vielleicht weißt du einfach, was geschieht und was es bedeuten könnte. Es gibt viele Wege, wie dein Unbewusstes mit dir in Verbindung treten kann.
Bleib so lange hier, wie es dir guttut. Und wenn du bereit bist, komm mit einem tiefen Atemzug und einem genüsslichen Strecken zurück – zurück in deine Gegenwart, in deine Realität.
Du kannst jederzeit wieder an diesen Strand zurückkehren. Er gehört dir. Was immer du brauchst oder dir wünschst – hier sind dir keine Grenzen gesetzt. Hier darfst du sein, wer du wirklich bist, umgeben von Wesen, die nur für dich da sind.
Bis bald.
Mag. Waltraud RÖCK-SVOBODA
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